Eigentlich ein schöner Tag

Eigentlich begann alles ganz nett: Vor der Ratssitzung bin ich noch in unser wunderschönes Waldfreibad und habe ein paar Bahnen gezogen. Das entspannt mich nicht nur, es macht mich innerlich einfach glücklich, über das Becken zu schauen und im Wasser zu treiben.

Ich hatte mich darauf eingestellt, dass wir nach einem Austausch den Antrag, dass Espelkamp „Sicherer Hafen" der Initiative Seebrücke wird, gemeinsam als Stadtrat beschließen können. Der Antrag war relativ weich formuliert, um ihn auch durchzubringen – ohne große Ecken und Kanten. Doch es kam leider ganz anders.

Vielleicht vorweg, um zu verstehen, was das Ganze für mich und eigentlich auch für die Stadt bedeutet: Espelkamp wurde von Flüchtenden und Vertriebenen für Flüchtende und Vertriebene gegründet. Die Stadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus einer Munitionsfabrik der Nazis gebaut. Unsere Stadtgesellschaft besteht eigentlich aus Menschen aus allen Herren Ländern, die EspelkamperInnen geworden sind. Es müsste – so sehe ich das – eigentlich zur DNA der Stadt gehören, sich der Seebrücke anzuschließen.

Als ich mir überlegt habe, den Antrag in unsere Fraktion einzubringen, flogen gerade die Bilder von Erik Marquardt auf Twitter herum – das Elend, die Kinder, die Boote. Ich bin innerlich zerrissen, wenn ich die Bilder sehe. Wie mit Menschen mitten in Europa unter bewusstem Wegschauen umgegangen wird. Meine Möglichkeiten als Stadtrat sind begrenzt – doch was ich tun kann, will ich tun.

Ein guter Anfang

Zuerst leitete der Bürgermeister mit der rechtlichen Zuständigkeit von Bund und Land ein. Die SPD fand der Antrag ging sogar nicht weit genug – Reinhard Bösch regte an, man könne durchaus sagen, dass man 10 Kinder aufnehmen wolle. Das freute mich sehr! Paul-Gerhard Seidel von den Unabhängigen fand ebenfalls, man könne dem Antrag so zustimmen.

Und dann kam die CDU

Die CDU könne den Antrag nicht verstehen. Ob das Wahlkampfgeplänkel wäre, ein Schaufensterantrag, man wisse nicht was der Antrag soll.

Das ist für mich eine riesengroße Frechheit gewesen. Im Endeffekt unterstellt die CDU-Fraktion damit, dass die BündnisGRÜNEN das Leid von Menschen nutzen würden, um sich als gut wählbar darzustellen. Man kann sich nicht vorstellen, dass es uns – und ja, auch mir im Speziellen – einfach um das Leid der Menschen geht und wir alle Wege suchen, dieses zu lindern. Nein, für die CDU kann es nur Eigennutz geben.

Entweder wollte man das nicht verstehen, oder es steht wirklich schlecht um das Textverständnis und die Lesekompetenz in der CDU. Im Antrag steht nämlich deutlich: „Um darüber hinaus ein klares Zeichen der Menschlichkeit und Offenheit unserer Stadt und ihrer Menschen zu setzen, deklariert der Rat die Stadt Espelkamp als ‚sicheren Hafen'."

Herr Dr. Vogt entschuldigte sich dann für die CDU, wenn das persönlich verletzend war. Ja, war es! Trotzdem führte er dann nochmal aus, wie großartig die Leistung Deutschlands gewesen sei. Das trifft für mich wieder das Motto „nicht hier, nicht wir", das mir in Espelkamp ständig begegnet.

Hartmut Stickan hat dies passend mit einem Satz gekennzeichnet: „Man kann nicht nur von Nächstenliebe erzählen, man muss sie auch zeigen."

Ist schon blöd, wenn man alleine ist

Nachdem der CDU aufgegangen war, dass alle anderen gegen sie stehen, wurde eine Sitzungsunterbrechung beantragt. Nach der Pause schlug der Fraktionsvorsitzende der CDU vor, den Tagesordnungspunkt abzusetzen, um eine gemeinsame Erklärung aller Fraktionen zu erarbeiten. Das wurde mitgetragen – allerdings schon mit dem Hinweis, dass man ja schon einen Monat Zeit hatte, sich etwas zu überlegen.

Am Ende ist es mir wichtig, dass Espelkamp Sicherer Hafen wird und seine Bereitschaft erklärt, Menschen aus Not aufzunehmen. Weiter zuschauen und nicht einmal das machen, was uns möglich wäre, wäre eine Schande für unsere Kommune, für meine Heimat.

In diesem Sinne: Packen wir's an und machen die Zukunft besser als die Vergangenheit.