Der Gabelhorst-Wald und das ewige Muster
Es gibt Themen, die kehren immer wieder. In Espelkamp ist eines davon die Frage: Was ist uns eigentlich wichtig – und was opfern wir wofür?
Der Wald an der Gabelhorst ist gerade wieder in den Schlagzeilen. Mehr als drei Hektar sollen für den Krankenhausneubau weichen – nicht für das eigentliche Gebäude, sondern vor allem für das Parkhaus. Das Klinikgebäude selbst soll westlich der Straße auf landwirtschaftlicher Fläche entstehen. Aber ein Parkhaus braucht Platz. Und Platz ist in Espelkamp ja schließlich Wald.
Ich will das nicht kleinreden. Ein neues Krankenhaus im Lübbecker Land ist wichtig, das Krankenhaus Rahden hat keine Leistungsgruppen mehr bekommen, die Versorgung muss gesichert werden. Das ist eine echte Abwägung. Und trotzdem: Die Art, wie diese Abwägung hier läuft, ist bezeichnend.
Was dieser Wald ist
Der Kern des Gabelhorst-Waldes ist über 200 Jahre alt. Buchen, Trauben- und Stieleichen, Waldkiefern, ein gewachsener Boden mit Bodendecker, Spechthöhlen, Fledermäuse, Bilche. Das ist kein durchschnittlicher Stadtrandwald – das ist der letzte größere innerstädtische Wald, der von Espelkamp übrig geblieben ist. Der Rest ist längst Baugebiet, Gewerbe oder Straße.
Und dieser Wald hat eine Funktion, die sich nicht einfach anderswo hinpflanzen lässt. An heißen Sommertagen liegen die Temperaturen im Wald bei mäßiger thermischer Belastung, während es in den dicht bebauten Gebieten drumherum 35 bis über 41 Grad werden. Das ist keine grüne Romantik – das ist Physik. Dieser Wald kühlt, filtert, speichert Wasser und puffert Starkregen. Und diese Funktion wird mit jedem weiteren heißen Sommer relevanter, nicht weniger.
Einen solchen Wald kann man nicht ersetzen. Auch nicht mit dreifacher Aufforstung woanders. Der braucht wieder 200 Jahre, um das zu leisten, was er jetzt leistet. Weder die Tiere darin noch wir können so lange warten.
Das Muster
Was mich eigentlich umtreibt, ist nicht nur dieser eine Fall. Es ist das Muster.
In Espelkamp läuft es seit Jahren so: Wenn etwas gebaut werden soll, wird geschaut, wo noch Platz ist. Und Platz bedeutet meistens: Grünfläche, Wald, Park. Kein Mensch käme auf die Idee, dafür einen Parkplatz zu opfern oder eine Straße schmaler zu machen. Fläche versiegeln ist der Standard, Fläche erhalten die Ausnahme, für die man kämpfen muss.
Das Parkhaus ins Waldstück – das ist symptomatisch. Man hätte es auch anders planen können. Kleiner, tiefer, oder schlicht: weniger Parkplätze, mehr ÖPNV-Anbindung für ein Krankenhaus, das in Jahrzehnten noch da sein soll. Aber das ist eben eine andere Denkweise.
2023 haben die GRÜNEN in Espellamp beantragt, das Waldstück dauerhaft unter Schutz zu stellen. Namentliche Abstimmung. Der Antrag ist nicht durchgekommen. Überrascht hat mich das nicht. Enttäuscht hat es mich trotzdem.
Was bleibt
Ich bin nicht grundsätzlich gegen das Krankenhaus. Ich bin gegen die Selbstverständlichkeit, mit der Wald als Ressource betrachtet wird, die man verbraucht – und hinterher mit Aufforstung irgendwo anders irgendwie ausgleicht.
Ein 200 Jahre alter Wald in der Stadt ist kein Posten in einer Ausgleichsbilanz. Er ist ein Erbe. Und er ist eine Klimaanlage, ein Wasserfilter und ein Lebensraum, den wir in den nächsten Jahrzehnten dringend brauchen werden – nicht weniger als heute.
Unsere Kinder werden diese Entscheidungen irgendwann bewerten. Ich hoffe, dass wir uns da nicht zu sehr schämen müssen.